Kolumne

Julias t3n-Kolumne: »Social Awkwardness und der Schock des unangekündigten Anrufs«

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Dieser Beitrag erschien in meiner Kolumne »diary of the digital age« in der t3n online am Sonntag, 6. November 2022. Hier auf t3n lesen :-)

Managen wir unsere Freundschaften im Digitalzeitalter genauso wie unsere Einkaufslisten? Können echte, menschliche Verbindungen entstehen, wenn ein Algorithmus sie gemacht hat? Julia Peglow aka »jpeg« über Social Awkwardness, Facebook-Freunde, Discord-Kinder und darüber, was wichtig ist.

 

Liebes digitales Tagebuch, ich glaub, ich krieg langsam den November-Blues. Weißt du, was ich in letzter Zeit an mir festgestellt habe? Ich erschrecke mich, wenn mein Handy klingelt. Ja, ganz im Ernst! Ich zucke zusammen, starre auf den Bildschirm und denke mir, wer ist das denn jetzt? Was will der von mir? Warum ruft der mich jetzt an?

Manchmal google ich sogar hektisch die Telefonnummer. Es ist mir unangenehm, unangekündigt angerufen zu werden, einfach so, ohne Termin. Ich fühle mich bedrängt, wenn man mir so auf die Pelle rückt, irgendwie ist es zu nah, zu intim – außer vielleicht, es ist ein guter Freund, der anruft. Werd ich jetzt schon langsam merkwürdig? Ist das die Social Awkwardness, von der man seit der Pandemie so viel hört?

Messeinheit zwischen Nähe und Distanz

Vielleicht brauchen wir eine neue Messeinheit zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verbindlichkeit und Unverbindlichkeit – eine neue Bewertungsskala der Beziehungen im Digitalzeitalter. Auf Facebook vernetzt zu sein macht dich noch nicht zu Freunden. Aber einfach so miteinander telefonieren, ohne Termin, ist mittlerweile ein Zeichen echter Freundschaft! Und die absolute Steigerungsform der Verbundenheit: ohne Termin auf dem FESTNETZ miteinander telefonieren! Dieses Level an Intimität erreichst du nur mit den eigenen Eltern, Geschwistern, oder deiner ältesten, besten Freundin.

Liebes digitales Tagebuch, was passiert da mit unseren Verbindungen und Beziehungen im Digitalzeitalter? Insbesondere nach zwei Jahren Social Distancing? Werden sie digital enger, aber IRL weniger verbindlich? Oder umgekehrt?

Meine Teenager-Kinder managen heute ihr gesamtes Social Life auf Discord. In dem Messenger, unter Gamern weit verbreitet, haben sie im Lockdown, als sie monatelang im Home Schooling vor dem Computer saßen, ein komplettes digitales Abbild ihres gesamten Freundeskreises gebaut – mit Cliquen, Chats, Gruppen, Servern und Hashtags.

Wenn ich richtig sauer auf sie bin, verbiete ich ihnen den Computer – Netzarrest! Das Gemeine ist, dass ich sie damit von ihrem kompletten Freundeskreis isoliere. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, so im letzten Jahrhundert, in der Eltern ihren Kindern zur Strafe »Hausarrest« aufgebrummt haben – heute muss man ja froh sein wenn sie rausgehen, sich in der dreidimensionalen Welt bewegen und ihre Freunde IRL treffen!

Eltern-Kind-Gespräche via Discord

Aber weißt du, liebes Tagebuch, was mich am meisten schockiert? Als ich mich dabei ertappt habe, dass auch ich meinen Teenage-Kindern, die unter einem Dach mit mir leben, nur noch auf Discord schreibe, wenn ich ihnen etwas sagen will. Zum Beispiel, wenn das Essen fertig auf dem Tisch steht. Irgendwann hab ich gedacht, das kann es doch nicht sein! Ich hab beschlossen das zu ändern. Jetzt nehm ich die Mühe auf mich, geh den weiten Weg zu ihren Jugendzimmern, stell mich in die Zimmertür, seh’ sie mit starrem Blick vor ihren Monitoren sitzen – und erinnere sie daran, dass es eine echte Welt gibt, wo echte Menschen an einem Tisch sitzen und zusammen essen.

Facebook-Freundschaften und Liebes-Algorithmen

Neulich hab ich mich mit einer Kollegin unterhalten (wir haben uns noch nie IRL getroffen, wir kennen uns nur online, aus dem Google Meet). Wir haben darüber geredet, dass es eigentlich immer Leute gibt, die man im Beruf kennenlernt, an denen man hängen und später befreundet bleibt. Bei ihr wäre das immer passiert – nur nicht aus ihrer Zeit bei Facebook. Da wäre einfach kein einziger echter Freund übrig geblieben. Ist das nicht seltsam? Das größte Freundschaftsnetzwerk der Welt, lauter Menschen, mit denen du an Algorithmen arbeitest, die Menschen verbinden – und dann bleibt da kein einziger hängen? Kein einziger, echter Freund? Vielleicht sagt das ja einiges über die Nachhaltigkeit von digitalen Beziehungen und Verbindungen.

Liebes digitales Tagebuch, es ist vielleicht widersinnig, dass ich ausgerechnet dich danach frage, aber ich habe mich in letzter Zeit gefragt, ob wir nicht die Digitalisierung viel zu tief haben eindringen lassen in unsere aller persönlichsten, menschlichen Bereiche? Heute lassen wir Algorithmen uns mit unseren Freunden vernetzen, unseren Freundeskreis managen und uns auf Dating Apps mit potenziellen Geschlechtspartnern matchen. Eva Illouz schreibt in ihrem Buch »Warum Liebe endet«, dass die Matching-Algorithmen auf den großen Plattformen wie Tinder oder Parship eine der letzten Bastionen des Zufalls und der organischen Begegnung industrialisiert und algorithmisiert haben: die Liebe.

Tinder als systemischer Imperativ

Apropos Liebe: gestern Abend habe ich mit einer Single-Frau gesprochen, die sagte, Tinder sei ja quasi ein systemischer Imperativ. Denn unser digitaler Lifestyle ist ein geschlossenes System! Den ganze Tag sitzen wir im Zoom Call, unsere Zeit ist in digitalen Kalendern durchgetaktet, Stoß an Stoß Termine von 9 to 5, unsere Freizeit managen wir genauso wie unser Work Life, das ganze Leben ist verplant.

Der Zufall, die Spontanität, die eben die Voraussetzung sind für bedeutungsvolle Begegnungen – wann sollen sie denn in unserem durchgetakteten, von digitalen Tools und Algorithmen durchstrukturierten Leben, stattfinden? Da beißt die Katze sich in den Schwanz: Ohne Spontanität und Zufall eben auch keine Begegnungen.

Spontanität, Zufall und Begegnungen

Liebes Tagebuch, weißt du was? In dieser Phase meines Lebens habe ich etwas völlig verrücktes beschlossen. Ich habe beschlossen, meiner archaischen, menschlichen Intuition zu folgen, statt meinen digitalen Gewohnheiten oder irgendeinem Algorithmus.

Ich hatte es fast vergessen. Aber es macht einen Unterschied, WIE ich mit jemandem in Verbindung bleibe. Es macht einen Unterschied, welchen Kanal ich wähle. Hat schon Marshall McLuhan gewusst: »The medium is the message.« Es shaped und beeinflusst die Beziehung, ob ich jemandem maile, auf Discord schreibe, auf Whatsapp, imessage und Slack; es zeugt von Vertrauen, wenn ich jemanden einfach so anrufen kann, sogar auf dem Festnetz. Und nichts erzeugt so viel Energie wie eine Begegnung face to face.

Liebes Tagebuch, ich hatte es fast vergessen. Aber plötzlich habe ich mich erinnert, dass es einen Unterschied macht, WIE man einem Menschen begegnet. Weil dieser initiale Gedanke der Begegnung, der bleibt; er bleibt für immer in der DNA der Beziehung eingebacken. Und deswegen macht es eben einen Unterschied, ob ich meiner Leidenschaft und Verbindlichkeit folge, oder irgendeinem Algorithmus. So kann ich mitgestalten, wem ich begegnen und mit verbunden sein will.

Der Mensch baut zwar hochtechnisierte, komplexe Welten, aber was seine Beziehungen betrifft, hat er sich ja eigentlich seit Jahrtausenden nicht verändert: er ist und bleibt ein Herdentier. Mir ist klar geworden, wie wichtig mir meine Beziehungen und Verbindungen sind. Dass ich meine Beziehungen selbst gestalten kann, ich kann entscheiden, in welcher Welt ich wie mit jemandem verbunden bin. Ich kann entscheiden, wer mir wertvoll und wichtig ist im Leben. Ich kann mich darauf besinnen, mit wem ich eine echte Verbindung unterhalten möchte – dafür brauche ich mich ja nicht auf irgendeiner Plattform vernetzen und meine Beziehungsdaten in eine Datenbank einspeisen.

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