Kolumne

Julias t3n-Kolumne: »Big Data als digitale Nadel im Heuhaufen der Algorithmen«

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Dieser Beitrag erschien in meiner Kolumne »diary of the digital age« in der t3n online am Sonntag, 4. Dezember 2022. Hier auf t3n lesen :-)

Steinzeit trifft Bytes: Julia Peglow aka »jpeg« über das Suchen und Finden im Digitalzeitalter – und warum eine Feuerkassette der einzige Ort für Kostbarkeiten ist.

Liebes digitales Tagebuch,
ich finde gar nichts mehr. Ich bin nur noch am Suchen, Stochern, Spotlighten, Scrollen, Googlen. Und es macht. mich. wahnsinnig. Ich suche Daten in der Cloud, untergegangene Mails in meiner Inbox, Fotos in meiner Photo Library, alte Mails im E-Mail-Archiv. Und noch schlimmer: Ich suche Dinge, die ich irgendwo gelesen oder mit irgendwem irgendwann besprochen habe, und weiß noch nicht einmal mehr, wo ich sie suchen soll: Im Chat? Im Netz? In meinen Mails? In irgendeinem Social Media Messenger? Oder war es vielleicht ein echtes Gespräch?
Allen um mich herum geht es ähnlich. Es vergeht kein Mittagessen, kein Treffen mit Freunden, in denen nicht einer von uns seine Nase in seine Photo Library taucht und zehn Minuten nicht mehr auftaucht – weil er »nur schnell ein Foto« zeigen will. Und scrollt und scrollt. Durch Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte von Fotos.

Aber, du niemals versiegende Quelle digitaler Weisheit, ist das denn so verwunderlich? Wir Menschen mit unseren begrenzten Kapazitäten sind doch schon lange nicht mehr in der Lage, uns in der schieren Masse von Daten zurechtzufinden. Wenn du’s dir mal überlegst, sind wir von unseren Suchreflexen steinzeittechnisch gerade mal dafür ausgestattet, eine Handvoll Beeren in der Heide zu suchen und finden. Nun aber finden wir uns der Wildnis von Exa-, Zetta- oder gar Yottabytes ausgesetzt. Bekanntlich verdoppelt sich die Datenmenge weltweit alle zwei Jahre, das bedeutet andersherum, von sämtlichen auf der Welt vorhandenen Daten wurde die Hälfte erst in den letzten zwei Jahren erstellt. Wie soll man sich bitte da zurechtfinden, als Steinzeitmensch im Digitalzeitalter?? Daten speichern ist das eine, da haben wir ja nach Steintafel, Keilschrift, Zahlen und Digitalisierung eine ganze Latte an Datenspeicherformaten hervorgebracht. Das Suchen und Finden im Digitalzeitalter, das ist doch das Problem! Mein Lieblingsautor Nassim Taleb sagt dazu ganz nonchalant: »Big data is looking for the same needle in a bigger haystack«.

Frag doch Google

Weißt du, liebes digitales Tagebuch, ich gehöre der Hybrid-Generation an, die mit einem Bein im analogen und mit dem anderen im digitalen Zeitalter steht. Ich bin in einer Übergangszeit digital sozialisiert, als Rechner noch mit Apple Talk Kabeln verbunden waren und man seine Daten noch auf lokalen Festplatten abspeicherte. Als man Dateien auf dem virtuellen Desktop herumschob und in digitalen Ordnern ablegte. Auch wenn es echt boomer-mäßig erscheint, will ich immer noch eine gewisse räumliche Vorstellung davon haben, wo meine Daten liegen. Die gleiche Verhaltensweise beobachte ich bei vielen Leuten um mich herum: Leute, die ihre Massen von hereinflutenden E-Mails in Ordner sortieren! Ja, ganz im Ernst! Aber ich verstehe das Bedürfnis! Das ist doch eine typisch menschliche Verhaltensweise, die aus der realen Welt in die digitale übertragen wird (schließlich hat man früher auch Korrespondenzen in Leitz-Ordner geheftet). Und weißt du, es gibt da auch noch Menschen, die so altmodisch wie romantisch sind, in ihren Mitmenschen Wissensträger zu vermuten! Sie greifen auf die Jahrtausende alte Kulturtechnik zurück, ihre Mitmenschen aus Fleisch und Blut um Rat zu fragen, wenn sie etwas suchen. Zum Beispiel den Weg zum Amt in der Stadt. Oder die Antwort auf die Frage, wie man die Bildgröße im Photoshop kleiner rechnet oder im Zoom eine Breakout Session anlegt. Das ist doch verständlich! Und erhalten dann zynisch von den Digitalevangelisten als Antwort: »Frag doch Google.« Das ist doch kaltherzig, findest du nicht?

Im menschlichen Gehirn ist die Orientierung in Raum und Zeit eng miteinander verknüpft, es erinnert sich nun mal am besten an Orte – schließlich wurden wir ja einstmals für das terrestrische Leben ausgestattet. Deshalb muss unser Gehirn Informationen aus der virtuellen Welt in seine terrestrische Logik rückübersetzen, um sie sich merken zu können. Das braucht der Mensch, um sich zu orientieren, auch, wenn die Digitalisierung voranschreitet. Ähnliches fand eine norwegische Studie vor einigen Jahren heraus: Dass man sich Dinge, die man in einem Buch gelesen hat, viel besser merken kann als auf einem eBook-Reader – ein Buch bietet als dreidimensionales Objekt räumliche Orientierung, an welcher Stelle im Buch und an welcher Position auf der Seite ich etwas gelesen habe. Mit der räumlichen Orientierung kann ich die Orientierung in der Zeit ausbilden – die Erinnerung.

Digitale Denkweisen

Liebes digitales Tagebuch, kann es sein, dass wir an unseren alten, terrestrischen, Jahrtausende erprobten Verhaltensweisen des Suchens und Findens von Information festhalten – aber leider völlig sinnlos? Kann es sein, dass die digitale Welt aufgrund der Datenmengen solche atavistischen Verhaltensweisen überflüssig macht? Denn heute, angesichts der schieren Masse an Daten, die jeder von uns zu verwalten und händeln hat, sind diese letzten Versuche, zu verstehen und zu wissen, wo unsere Daten liegen, doch sinnlos, oder? Sie liegen irgendwo in der Cloud, und das ja schon lange kein Ort mehr. Die menschlichen Suchmechanismen müssen vor der Masse an Daten kapitulieren.

Das einzige, was im Big Data-Zeitalter noch funktioniert, ist das, was Google vormacht. Google ist Godmother des Suchens und Findens. Google liefert zuverlässig Millionen von Suchergebnisse im Bruchteil einer Sekunde. Google findet nicht das, was du suchst, sondern das, was zu dir passt. Es scheint, der einzige Weg, um Dinge im Digitalzeitalter zu finden, ist, sich vollends der Google Suche, der KI und den Algorithmen anheimzugeben. Statt also verbissen durch Ordnerstrukturen, Verzeichnisse mit kryptischen Dateinamen oder durch Photo Libraries zu scrollen oder E-Mails in Ordner zu sortieren, ist die moderne Art des Suchens, einfach einen Suchbegriff in ein einziges, kommodes Eingabefenster zu tippen. Das funktioniert bei der iPhoto Library, im E-Mail Archiv und in Google. Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, zu fragen, wo Google-Ergebnisse liegen. Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, Google-Ergebnisse in Ordner zu sortieren, man googelt eben einfach, und zwar alles Wissen der Welt!

Aber, liebes Tagebuch, ein wenig Wehmut bleibt doch. Wehmut, das letzte Körnchen Menschlichkeit und mühsam erworbene Kulturtechnik über Bord zu werfen. Wir nutzen Tools, um digitale Daten zu erstellen. Und der einzige Weg, um sie auch wieder zu finden, sind eben auch digitale Tools. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es geht eben nur noch mit KI und Algorithmen. Wir kennen uns in unserem eigenen Zeug mehr aus. Irgendwie ist mir das unheimlich. Stell dir mal vor, ich stünde vor meinem Kleiderschrank und suche ein Shirt, oder vor meinem Gewürzregal und suche Muskatnüsse, und wär nur noch in der Lage, sie zu finden, wenn ich inmitten von Millionen von Shirts und Gewürzen Keywords in ein Suchfenster eingebe.

Die kostbaren Dinge

Auch Digitalhardliner spüren offensichtlich tief in ihrem Inneren, dass das menschliche Konzept »Suchen und Finden« im Digitalzeitalter an seine Grenzen stößt. Die Transzendenz der Daten, die Omnipräsenz der Schwarmintelligenz, die schiere Masse von Big Data führen eben zu einer massiven Entwertung der wertvollen Dinge, des einzelnen, erinnerungswürdigen Gedankens, den es lohnt, zu suchen, zu finden, zu behalten und zu erinnern. Gerade weil sich im Digitalzeitalter die terrestrische Ordnung auflöst, gerade weil die virtuelle Realität die mächtigere ist, brauchen wir für die Dinge, von denen wir wissen wollen, wo wir sie wiederfinden, ein anachronistisches Handlungsmodell – genau das Gegenteil: eine feste Verankerung, einen physischen Ort. Meine wöchentliches Google Meet Date Annika, die praktisch im Internet lebt und die ich noch nie im echten Leben getroffen habe, hat mir gestern anvertraut, auch sie besäße einen solchen Ort für die Dinge, die sie auch im Notfall wiederfinden möchte: eine Feuerkassette. In der bewahrt sie persönliche Briefe, Patientenverfügungen und – man höre und staune – eine Schatzkarte auf.

Liebes Tagebuch, jetzt muss ich dir mal eine etwas unangenehme Frage stellen: Bist du so ein kostbarer Ort? Wo bist du eigentlich, auf welcher streng geheimen Serverfarm auf welchem Kontinent existierst du? Wo landen sie eigentlich, meine Korrespondenzen mit dir? Das würde ich jetzt wirklich mal gerne wissen.

 

Good Reads

  • Alvin Toffler, »Future Shock«: der Klassiker von 1970. Daran, dass die Menschen mit der rasanten technologischen Entwicklung überfordert sind, hat sich auch seither nichts geändert.
  • Nassim Taleb, »Antifragilität«: Je mehr Daten wir Sammeln, desto mehr Chancen für falsche Annahmen. Der Heuhaufen wird immer größer, aber die Nadel, die wir darin suchen, ist immer die gleiche.
  • Robert Louis Stevenson, »Die Schatzinsel«: Von der ewigen Suche nach dem Piratenschatz – vielleicht befindet sich die Schatzkarte in einer Feuerkassette?