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Was kommt vor der »First mile«? Elektro-Reiseplanung!

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Was mir so gut gefällt am elektrischen Reisen, ist, dass man sich wieder bewusster mit der Strecke und somit auch mit dem Reisen an sich beschäftigt. Statt bräsig mit dem Gasfuß im Verbrenner unterwegs zu sein, Navi an-, Kopf ausgeschaltet, an jeder Ecke die nächste Tankstelle, hält das elektrische Reisen allein dadurch schon jung im Kopf, weil man sich wieder Gedanken darum machen muss, wie man von A nach B kommt. Bei einer komplexeren Reise, beispielsweise einer Dreicksfahrt über deutsche Autobahnen von München nach Schwäbisch Gmünd (200 km), weiter nach Stuttgart (50km) und zurück nach München (250km), beginnt diese Experience schon mit der Planung, lange vor der »first mile«. 

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Da steht er noch brav in seinem Vorort – bald geht er auf große Reise, der i3

Reiseplanung auf elektrisch

Da meine geplante Fahrt über die Reichweite meines BMW i3 von ca. 300 Kilometer hinausgeht, überlege ich im ersten Schritt meine Ladepunkte: Bei meiner Dreiecksfahrt muss ich zweimal laden, einmal beim ersten Zwischenstopp in Schwäbisch Gmünd, das zweite Mal beim Zwischenstopp in Stuttgart. Noch eine logistische Feinheit, die sich vom Verbrennerreisen unterscheidet: Idealerweise lade ich während meines Aufenthalts, also wenn das Fahrzeug sowieso steht und parkt. Ladeaufenthalte an Schnellladestationen, während derer ich in ca. 20-30 Minuten den Akku wieder volltanke, aber währenddessen warten muss, sind nicht ideal, jedoch manchmal nicht zu vermeiden (daher der Begriff »Ladeweile«; da es allen so geht, führen sie manchmal auch zu amüsanten Begegnungen an der Ladestation – lies hier meinen Beitrag dazu).

Wenn ich mir überlegt habe, wo ich laden will, muss ich herausfinden, welche Sorte Ladestation es vor Ort gibt. Ich habe da nämlich auch schon Enttäuschungen erlebt, dass dann die Elektro-Zapfsäule an der letzten Tanke vor der Autobahnabfahrt auf Provinzstraßen nicht funktioniert, ich nicht die passende Kundenkarte habe, es vor Ort kein Internet gibt etc. Blöd. Also böse Überraschungen vermeiden. Ich gehe auf goingelectric.de, dem umfangreichsten Verzeichnis und Kartenmaterial zu Ladestationen in Deutschland und europäischen Nachbarländern: »30.610 Einträge – 91.522 Ladepunkte – 48 Länder«, heißt es auf der Website. Da kann man zum Beispiel sehen, wo es begehrte 50kW-Schnellladestationen gibt und welchem Ladeverbund der Charger angehört. Meine Erfahrung ist auch: diese nicht besonders aufwändige Denkarbeit VOR der Reise nimmt Dir niemand ab. Nicht Dein Navi, nicht der Concierge Service, der in meinem Connected Drive Paket enthalten ist. Ich muss meine Route einfach selber einmal durchdenken.

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Ja, so sieht das aus, wenn das Ziel (kleine Fahne auf 10.00 Uhr) außerhalb der Reichweite liegt (blaue Blase)

Das Hotel als Elektro-Oase

Meine Recherche auf goingelectric ergibt: es gibt eine kostenlose Ladestation in einer Hotel-Tiefgarage in Stuttgart, ganz in der Nähe von meinem Termin. Juhu! Kostenlose Ladestationen sind fantastisch, nicht unbedingt, weil man Geld spart, sondern weil man keinen komplizierten Ladevorgang zu bewerkstelligen hat: keine Kundenkarte, kein schlecht gemachtes Interface, kein  dämlicher Registriervorgang auf einer Website, die nie für iPhone gemacht wurde – einfach plug & play. Und Hotels mausern sich mit kostenlosen Ladepunkten zu echten Elektro-Oasen für Strompioniere. Zwar handelt es sich bei der ausgewählten um keine Schnellladestation, aber da ich in einem mehrstündigen Termin sitze und das Fahrzeug währenddessen lädt kein Zeitverlust. Zur Sicherheit noch ein Anruf im Hotel: Ja, die Ladestation funktioniert, nein, man kann nicht reservieren, aber das sei kein Problem, die Ladestation ist normalerweise frei (auch das muss man bedenken – blöd ist, man kommt am recherchierten Ladepunkt an und da steht schon einer). Gottseidank gibt es noch nicht so viele von meiner Sorte. Bingo, Laden in Stuttgart ist schonmal in trockenen Tüchern.

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Hotelparkplatz B106 als Elektro-Oase

Ein Anruf bei den Stadtwerken

Ich wende mich Schwäbisch Gmünd zu. Eigentlich zum Laden ein ideales Pflaster, Kleinstadt, nachhaltige Vorzeigestadt die was auf sich hält, für die die Anzahl der lokalen Ladestationen auch Marketing ist. Bislang hatte ich jedoch kein Glück mit dem Laden in Gmünd: Einmal hatte ich versucht, samstags an einem Volkswagen Autohaus zu laden – hat nicht funktioniert, und obendrein ließ sich danach der Stecker nicht mehr entfernen, sehr unangenehme Situation. Ein anderes Mal stand ich an einer Ladestation der Stadtwerke (sehr häufig anzutreffen), hatte aber nicht die passende Kundenkarte. Diesmal gehe ich es anders an: ich rufe bei den lokalen Stadtwerken  an und werde sofort weiterverbunden mit dem Mann, der sich in Schwäbisch Gmünd mit dem Thema Elektrotankstellen auskennt. Das ist das tolle an Kleinstädten, da gibt es wirklich so jemanden, einen Zuständigen, der Ahnung hat. Er kann mir genau sagen, wonach ich suche: eine Schnellladestation an einer Tankstelle an der Bundesstraße und obendrein auch noch eine, wo man gegen 8€ Strompauschale laden kann und – heureka – an der Tankstellenkasse bezahlen kann! Mein Traum, frage ich mich denn schon seit längerem, warum man nicht einfach seinen Strom an der Tanke an der Kasse zahlen kann, genauso wie man da eben auch sein Benzin bezahlt. 

Außerhalb des Mainstreams

Es sei verraten, dass alle Ladepunkte wie geplant geklappt haben. Im Park Radisson-Hotel, wo ich kostenlos tanken konnte, habe ich mich mit einem Instagram-Post aus der Tiefgarage für den Strom bedankt. Und bin auch gleich dort noch Mittagessen gegangen, vor meinem Termin. 

Jetzt mag diese Art der Reisevorbereitung dem Nicht-Elektrofahrer unglaublich aufwändig erscheinen, ich sehe ihn förmlich mit den Augen rollen und stöhnen »Hhhh, das wäre mir ja viel zu kompliziert!«. Ja, es teilweise komplizierter, wenn man sich (noch) außerhalb des Mainstreams bewegt. Aber ich finde durchaus etwas positives daran, alte Gewohnheiten aufzubrechen und Platz zu machen für eine neue Denkweise. Stay hungry, stay foolish.